Belastungsbeurteilung aus Sicht der Tiere

Wer in Deutschland Tierversuche durchführt, muss die mit den Versuchen einhergehende Belastung der Tiere einschätzen. Die Genehmigungsbehörden prüfen diese Einschätzung und beziehen sie als einen wesentlichen Bestandteil in das Genehmigungsverfahren mit ein.

Tatsächlich stellt die Beurteilung der Belastung im Tierversuch eine komplexe ethische und biomedizinische Herausforderung dar, und die Anforderungen an die Versuchstierkunde bezüglich der Belastungseinschätzung steigen stetig. Die Interpretation von Verhaltensdaten und physiologischer Parameter im Zusammenhang mit tierlichem Wohlergehen reicht mitunter nicht für eine valide Belastungsbeurteilung aus. Besondere Bedeutung haben hier wissenschaftlich überprüfbare Messparameter, um die Belastungen aus Sicht der Tiere einschätzen zu können.

Entwicklung von Wahlversuchen

Das Bf3R arbeitet hierbei an der Entwicklung von Wahlversuchen, mit denen die Entscheidungen der Tiere selber zur Belastungsbeurteilung herangezogen werden. Des Weiteren überprüft das Bf3R die Hypothese, dass Tierversuche den emotionalen Status der Tiere messbar beeinträchtigen. Solche inneren emotionalen Zustände können mit Hilfe des Erwartungsvalenztests ("Cognitive Bias") experimentell überprüft werden. Die hier vorgeschlagenen Methoden zielen auf eine Belastungseinschätzung aus Sicht der Tiere ab, indem deren Präferenz und Erwartungsvalenz mit einbezogen werden.

Grafik zur Belastungsbeurteilung aus Sicht der TiereNicht nur Menschen, sondern auch Tiere treffen im Laufe ihres Lebens eine Vielzahl von Entscheidungen. Auch wenn viele dieser Entscheidungen unbewusst getroffen werden, sind sie eng mit Stimmungen und Emotionen verknüpft. Eine positive Grundstimmung führt zu einer optimistischen Zukunftserwartung und damit zu anderen Entscheidungen als eine pessimistische Stimmung. Das Konzept des "Cognitive Bias" beschreibt, wie Entscheidungen von einer bewerteten Zukunftserwartung ("Erwartungsvalenz") abhängen. Vor einigen Jahren wurden erstmals experimentelle Verfahren vorgestellt, wie "Cognitive Bias"  bei Tieren untersucht werden kann. Das Grundprinzip besteht darin, die Tiere zu trainieren, bei einem bestimmten Stimulus eine Belohnung zu erwarten (Bild 1) und bei einem anderen Reiz mit einer Bestrafung zu rechnen (Bild 2). Für das Training werden dabei anstatt der bunten Kästchen in der Abbildung skalierbare Reize (z.B. Töne, Graustufen, Gerüche) genommen, wobei an einem Ende der Skala die Belohnung und am anderen Ende der Skala die Bestrafung konditioniert wird. Nach erfolgreicher Konditionierung werden den Tieren uneindeutige Reize, die zwischen den positiv- und negativ-konditionierten liegen, präsentiert (Bild 3). Indem dann beobachtet wird, ob die Tiere in dieser Situation eher eine Belohnung oder eine Bestrafung erwarten, kann die Erwartungsvalenz systematisch untersucht werden. Auf diese Weise können – anthropomorph formuliert – pessimistische und optimistische Tiere unterschieden werden.

Weiterführende Literatur

  1. Review von 2018 mit deutscher Zusammenfassung: Habedank, A.; Kahnau, P.; Diederich, K.; Lewejohann, L. Severity assessment from an animal’s point of view. BMTW 2018
    https://doi.org/10.2376/0005-9366-18007
  2. Review von 2020: Kahnau, P.; Habedank, A.; Diederich, K.; Lewejohann, L. Behavioral Methods for Severity Assessment. Animals 2020, 10, 1136.
    https://doi.org/10.3390/ani10071136

 


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