Klinische Bestandsaufnahme von Pyrethroid-Vergiftungen gab keinen Hinweis auf irreversible Schäden

Im Auftrag des Bundesinstituts für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin, BgVV, in Berlin, wurden 23 Personen untersucht, bei denen der Verdacht auf eine Gesundheitsschädigung nach der Anwendung pyrethroidhaltiger Schädlingsbekämpfungsmittel bestand. Durchgeführt wurde die klinische Bestandsaufnahme unter Leitung von Prof. Dr. med. Holger Altenkirch in der neurologischen Abteilung des Krankenhauses Spandau, akademisches Lehrkrankenhaus der Humboldt-Universität zu Berlin. In neun der untersuchten Fälle wurden klinisch gesicherte völlig andersartige Diagnosen gestellt, die keinen Zusammenhang mit der Pyrethroidexposition aufwiesen. In acht Fällen wurde ein typisches Beschwerdebild im Sinne des sogenannten Multiple Chemical Sensitivity (MCS-)Syndroms diagnostiziert; der klinisch-neurologische Befund und die Ergebnisse der Zusatzuntersuchungen war hier unauffällig. In sechs Fällen ist ein Zusammenhang zwischen den aufgetretenen gesundheitlichen Beschwerden und einer Pyrethroid-Exposition wahrscheinlich oder kann nicht sicher ausgeschlossen werden. Die Ergebnisse der Untersuchungen gaben weder Hinweise auf chronische Pyrethroidvergiftungen noch auf irreversible Schädigungen des peripheren und/oder zentralen Nervensystems mit kausalem Zusammenhang zu einer Pyrethroidexposition.

Ende 1993 hatten dem BgVV 64 Meldungen über Vergiftungen, die in einem möglichen Zusammenhang mit der Anwendung pyrethroidhaltiger Schädlingsbekämpfungsmittel standen, vorgelegen. Die Untersuchung sollte die klinischen Detailaspekte abklären und insbesondere die Frage beantworten, ob in der Folge einer Pyrethroid-Exposition dauerhafte Schäden am Nervensystem auftreten können.

Aufgrund der sehr unterschiedlichen Expositionsbedingungen, die den gesundheitlichen Beschwerden der 23 Probanden vorausgegangen waren, erfolgte die klinische Bestandsaufnahme in Form von Einzelfallanalysen. Die Untersuchung erfolgte unter stationären Bedingungen und umfaßte klinisch-neurologische, internistische, neurophysiologische, neuroradiologische und labormedizinische Diagnostik. In die Studie einbezogen wurden Personen über 18 Jahre, bei denen eine Pyrethroidexposition sowie ein, wie auch immer geartetes, klinisches Beschwerdebild zumindest plausibel erschienen.

Die Exposition gegenüber Pyrethroiden erfolgte z.B. beim Einsatz pyrethroidhaltiger Holzschutzmittel, bei professionellen Schädlingsbekämpfungsmaßnahmen, bei der Anwendung von Haushaltsinsektensprays oder durch pyrethroidhaltige Teppichböden. Die Tatsache, daß in elf Fällen teils massive Fehlanwendungen von Insektenbekämpfungsmitteln durch Verbraucher oder professionelle Schädlingsbekämpfer erfolgt waren, bestätigt das BgVV in seinen Forderungen nach mehr Verbrauchersicherheit und einer besseren Aus- und Fortbildung professioneller Schädlingsbekämpfer.

Die Ergebnisse der klinischen Bestandsaufnahme wurden intensiven datenschutzrechtlichen Prüfungen unterzogen. Sie werden im Sommer 1996 in der wissenschaftlichen Zeitschrift "NeuroToxicology" international veröffentlicht und liegen dem BgVV als Abschlußbericht vor.

Die Untersuchungsergebnisse können aufgrund der geringen Probandenzahl lediglich Hinweise zur Einschätzung der Pyrethroid-Problematik geben; sie erlauben keine abschließende Bewertung. Hierfür wären nach Ansicht der Untersucher prospektive kontrollierte Studien an Personen, die über längere Zeit gegenüber Minimaldosen pyrethroidexponiert waren, erforderlich. Diese Studien sollten sich verstärkt auf den subklinischen Bereich konzentrieren, um auch feinste Veränderungen aufzudecken.

Mehr Aufmerksamkeit verdient das "Multiple Chemical Sensitivity"-Syndrom, die "vielfache Chemikalienüberempfindlichkeit". Das MCS-Syndrom stellt ein in den krankheitsverursachenden Mechanismen noch ungeklärtes umweltmedizinisches Beschwerdebild dar, bei dem bereits kleinste Mengen verschiedenartiger chemischer Substanzen bei einer kleinen Zahl von Personen vielfache Krankheitsbeschwerden hervorrufen. Das Thema steht deshalb im Mittelpunkt eines Workshops, den die Weltgesundheitsorganisation, WHO, im Rahmen ihres internationalen Programms zur Sicherheit im Umgang mit Chemikalien unter Beteiligung internationaler Experten im Februar dieses Jahres in Berlin veranstaltet. Beteiligt sind das Bundesministerium für Gesundheit in Bonn, das BgVV und das Umweltbundesamt. Ziel des Expertentreffens ist eine erste Bestandsaufnahme zu dem Beschwerdebild der "vielfachen Chemikalienüberempfindlichkeit". Die MSC-Problematik ist in Deutschland erst durch die Meldungen über Pyrethroidvergiftungen ins öffentliche Bewußtsein gedrungen. Neben anderen Chemikalien könnten Pyrethroide bedeutende Auslöser dieses Syndroms sein.

Die synthetisch hergestellten Pyrethroide ähneln dem in Chrysanthemen natürlich vorkommenden Pyrethrum, sind aber wirksamer und langlebiger. Nach ihren Halbwertzeiten unterscheidet man Kurz- und Langzeitpyrethroide. Letztere sind gesundheitlich kritischer zu bewerten. Pyrethroide können bei empfindlichen Personen bereits in geringer Konzentration zu Befindlichkeitsstörungen, bei Fehlanwendung auch zu akuten Vergiftungen führen. Im Vordergrund stehen Reizungen der Schleimhäute, der Atemwege und der Augen. Es kann zu Mißempfindungen und Taubheitsgefühlen der Haut, gelegentlich zu Benommenheit und Kopfschmerz kommen. Diese Symptome sind jedoch reversibel.

Die "Klinisch-neurologische Bestandsaufnahme zur Frage neurotoxischer Erkrankungen durch Pyrethroide beim Menschen" liegt als Abschlußbericht in der Pressestelle des BgVV vor.


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