Too little too late? – Nicht die Quantität sondern die Qualität bestimmt den Erfolg der Risikokommunikation

Die Lebenserwartung der Menschen in Deutschland ist so hoch wie nie zuvor. Das Leben ist sicherer denn je. Und trotzdem schwebt die unterschwellige Angst vor möglichen Risiken wie ein Damoklesschwert über großen Teilen der Gesellschaft. Risikoeinschätzungen und Risiko-Nutzen-Analysen haben angesichts ereignisorientierter Massenmedien und emotional geführter Diskussionen einen schweren Stand. Anstatt ihre Adressaten zu erreichen hinterlassen sie allzu oft Frustration bei allen Beteiligten. Wie kann man das ändern? Mit dieser Fragestellung trafen sich vom 18. bis 20. September rund 80 Vertreter aus Industrie, Politik, Wissenschaft, Behörden und Verbraucherinstitutionen aus 13 Ländern zu einer Arbeitstagung im Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin. Im Auftrag der Organization for Economic Co-operation and Development (OECD) suchten sie am Beispiel chemischer Produkte nach Mitteln und Wegen für eine effektivere, alle Beteiligten einbeziehende Risikokommunikation. Die Ergebnisse des Workshops werden auf der nächsten Sitzung des zuständigen OECD-Gremiums im November dieses Jahres vorgestellt und sollen in einen praktischen Leitfaden für Risikokommunikatoren eingehen.

Einer der Kernpunkte: Vertrauen und Qualität sind die Grundlage einer wirkungsvollen Risikokommunikation und wiegen dabei weitaus schwerer als die Fülle der Information. Risikokommunikation darf nicht als Einbahnstraße aufgefaßt, sondern muss als sich rückkoppelnder Prozess verstanden werden, der zu einem ständigen Informationsgewinn aller Beteiligten führt: Industrie, Behörden und Verbraucher informieren sich wechselseitig über ihre Interessen und Befürchtungen, lernen sie zu verstehen und zu berücksichtigen. Gleichzeitig legen sie die Grundlagen ihrer Risikobewertung offen. Das Ziel der Risikokommunikation darf nicht darin bestehen, zu überzeugen, dass ein bestimmtes Risiko unter diesen oder jenen Umständen zu akzeptieren ist. Vielmehr geht es darum, die Möglichkeiten des Umgangs mit Risiken gemeinsam auszuloten. Der Verbraucher soll in die Lage versetzt werden, informierte Entscheidungen zu treffen.

Risikokommunikation beinhaltet zahlreiche Faktoren, aber nicht alle sind gleichermaßen zu beeinflussen. Zu den nur schwer zu beeinflussenden Rahmenbedingungen zählt die gesellschaftliche Wahrnehmung eines Risikos. Selbstgewählte Risiken werden weitaus bereitwilliger akzeptiert, als fremdbestimmte. Bei völliger Ablehnung (‚Dioxin ist Gift‘) ist die Größe eines potentiellen Risikos von untergeordneter Bedeutung. Risikokommunikation kann nur dann gelingen, wenn sie berücksichtigt, auf welche Art und Weise Menschen Risiken wahrnehmen und wenn akzeptiert wird, dass Risikowahrnehmung im hohen Maße emotional und nicht rational beeinflußt ist. Dies muß beim Entwurf von Kommunikationsprogrammen berücksichtigt werden. Risikokommunikation muss außerdem auf nationale und lokale Risikowahrnehmungen Rücksicht nehmen (das Risiko ‚dioxinverseuchter‘ Eier etwa wurde von der belgischen Bevölkerung völlig anders eingeschätzt als vom deutschen Verbraucher).

Auch das Selbstverständnis der Medien als einem der wichtigsten Mediatoren in der Risikokommunikation (rund 70 % des heutigen Wissens erhält der Mensch aus dritter Hand) muß akzeptiert werden. Medien verstehen sich als Wächter und Trendsetter. Sie unterliegen ebenso wie andere Prozeßbeteiligte wirtschaftlichen Zwängen und sind an Ereignissen, nicht aber an der Begleitung eine Risikokommunikationsprozesses interessiert. Risikokommunikation darf sich deshalb nicht auf die Information der Medien beschränken, sondern muß sich daneben gezielt an den Verbraucher wenden. Dies kann direkt, aber auch durch Verbraucherverbände und andere ‚NGOs‘ (non-governmental organizations), öffentliche Einrichtungen, Ärzte, Interessen- und Selbsthilfegruppen geschehen.

Andere Faktoren lassen sich im Sinne einer verbesserten Risikokommunikation leichter beeinflussen. Hierzu gehört die Kontinuität in der Kommunikation, die prozeßbegleitend sein soll. Hierzu gehört aber auch die Qualität der Kommunikation und damit die Glaubwürdigkeit. Letztere muss von allen Beteiligten hart erarbeitet werden. Risikoinformation der Industrie, unabhängig davon, wie hochwertig sie ist, wird ihr Ziel immer nur eingeschränkt erreichen, weil sie ‚parteiisch‘ ist oder als solche angesehen wird. Dennoch kann die Industrie viel zur Verbesserung der Risikokommunikation beitragen, indem sie verlässliche Informationen bereitstellt, die für eine Risikobewertung benötigt werden. Dazu gehören relevante toxikologische Daten, Informationen über die Inhaltsstoffe ihrer Produkte oder eine aussagekräftige und verbraucherverständliche Kennzeichnung. Es sollte dabei mehr als selbstverständlich sein, dass Ergebnisse toxikologischer Prüfungen prinzipiell öffentlich sind. Auch risikobewertende Institutionen auf politischer und wissenschaftlicher Ebene sollten verpflichtet werden, ihre Bewertungen öffentlich zugänglich zu machen.

Einer neutralen Institution, die als unabhängiger Mediator zwischen den Prozessbeteiligten fungiert, kommt unter dem ‚Vertrauensaspekt‘ eine besondere Bedeutung zu. Wirtschaftlich unabhängige, staatliche Einrichtungen bieten sich hierfür an.

Schließlich sind die enge Kooperation und der Austausch zwischen allen Prozessbeteiligten von der Industrie bis zum Verbraucher für die Risikokommunikation unerlässlich. In den Prozess der Risikokommunikation sind die verschiedenen Interessenvertreter von Anfang an mit einzubeziehen. Alle Beteiligten müssen hierbei gleichberechtigt sein. Mehr Transparenz in den Zuständigkeiten und Konzepte für den strukturierten Ablauf einer Risikokommunikation erleichtern dies. Risikokommunikation ist als permanenter Dialog mit dem Verbraucher und anderen Betroffenen zu etablieren. Die kommunikative Reaktion auf "Ereignisse" ist dabei als Ausnahmesituation zu betrachten!

Besondere Aufmerksamkeit ist der Tatsache zu widmen, dass in die Bewertung eines Risikos immer Unsicherheitsfaktoren einfließen. Die Bedeutung dieser Unsicherheitsfaktoren ist so sichtbar zu machen, dass sie auch verstanden wird.

Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist aber auch die Tatsache, dass Risikokommunikation kostspielig ist. Es müssen dafür sowohl die personellen als auch die finanziellen Mittel von den beteiligten Gruppen bereitgestellt werden. Schließlich darf die Erwartung an den Erfolg einer Risikokommunikation nicht zu hoch angesetzt werden. Zufriedenheit des Bürgers mit der getroffenen Risikomaßnahme ist kein Gradmesser für eine erfolgreiche Risikokommunikation.


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