Krisen kosten Geld, Vertrauen und bieten Chancen


28/2005, 07.09.2005


Krisen verursachen enorme Kosten, materielle wie immaterielle, betriebswirtschaftliche wie volkswirtschaftliche. Aber längst nicht immer liegen Krisen reale, wissenschaftlich quantifizierbare Risiken zugrunde. Wer entscheidet, wann ein Sachverhalt zu einer Krise wird? Lassen sich Krisen vermeiden und welche Rolle spielt dabei die Wissenschaft? Diese und andere Fragen standen im Mittelpunkt der ersten Status-Konferenz, zu der das Bundesinstitut für Risikobewertung nach Berlin geladen hatte. Unter dem Titel „Was kostet eine Krise? - Fakten, Erfahrungen, Handlungsmöglichkeiten“ bot die Veranstaltung ein Forum für rund 150 Gäste aus Politik und Wirtschaft, Behörden und Wissenschaft, von Verbraucherschutzeinrichtungen und Medien. Ob eine Situation als Krise oder Chance empfunden wird, hängt stark von der Perspektive des Betrachters ab, der mit einer Vielfalt von Meinungen konfrontiert ist. „In der Entscheidungsphase kann das BfR neutrales Orientierungswissen bieten“, so der Präsident des Instituts, Professor Dr. Dr. Andreas Hensel. Voraussetzung sei eine sachlich fundierte, interessenfreie Risikobewertung, aber auch eine offene und verantwortungsvolle Risikokommunikation.

Existenzielle Krisen sind in unserer Überflussgesellschaft selten geworden. Gleichwohl haben Krisen, die im Zusammenhang mit Lebensmitteln oder verbrauchernahen Produkten stehen, auch heute noch immense Auswirkungen: Sie können mit erheblichen Risiken für die Gesundheit einhergehen, sie können Produkte oder ganze Produktgruppen diskreditieren, zum Zusammenbruch von Märkten führen und in allen betroffenen Bereichen erhebliche Kosten verursachen: Das hat die BSE-Krise gezeigt. Krisen kosten aber nicht nur Geld, sie kosten auch Vertrauen – in Produkte, Märkte und Institutionen. Versuche, das verlorene Vertrauen zurückzugewinnen, sind langwierig und durchaus nicht immer von Erfolg gekrönt. Im Rahmen einer Evaluation des BfR wurden 1.000 repräsentativ ausgewählte Verbraucher „nach dem größten gesundheitlichen Risiko“ befragt: 27,9 % der Befragten gaben an, sich vor „Risiken in Verbindung mit Lebensmitteln“ zu fürchten. Tatsächlich aber sind Lebensmittel unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten so sicher wie nie zuvor. Grund genug für das BfR, das Thema „Krise“ in den Mittelpunkt seiner ersten Status-Konferenz zu stellen. Ziel dieser Veranstaltungsreihe ist es, Probleme des gesundheitlichen Verbraucherschutzes und die eigene Risikobewertung aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen und Interessen zu betrachten, die jeweiligen Standpunkte öffentlich darzulegen und zu diskutieren. Einige Ergebnisse der Veranstaltung haben wir im Folgenden zusammengefasst.

Krisen folgen keinem Plan, sie lassen sich nur sehr bedingt steuern, folgen eigenen Regeln und haben ihre eigene Dynamik. Trotzdem ist es sinnvoll, sich auf den Krisenfall vorzubereiten – das zeigt die Erfahrung: Je weiter die Auseinandersetzung mit einer Krise hinausgezögert wird, desto länger dauert sie an. Daraus resultiert: Je früher, planvoller und konsequenter sie angegangen wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, die Krise zu bewältigen.

Oft ist es die subjektive Risikowahrnehmung, das „gefühlte“ Risiko bei den Beteiligten, das ein Ereignis zu einer Krise macht. Diese Wahrnehmung wird von unterschiedlichsten Interessenlagen beeinflusst, dazu gehören persönliche Interessen ebenso wie die von Medien, Herstellern oder auch Forschern. Die subjektive Risikowahrnehmung ist damit ein wichtiger Faktor, der objektive Kriterien aber nicht außer Kraft setzen darf. Genau hier ist der wissenschaftlich fundierte Sachverstand einer interessenunabhängigen Institution gefragt. Sie kann zu einer sachorientierten Diskussion beitragen und damit die Funktion eines „Korrektivs“ übernehmen.

Alle, die einmal von einer Krise betroffen waren, sollten aus ihr lernen und sich die Mühe machen, eine Krise auch retrospektiv aufzuarbeiten. Diese Analyse kann Aufschlüsse über die Auslöser und eigene Fehler geben und ist damit ein unentbehrliches Instrument der Krisenprävention. Für die Wissenschaft bedeutet das, Erkenntnisse frühzeitig, klar und verständlich an die Öffentlichkeit zu geben - ohne dabei voreilige Schlüsse zu ziehen. Denn: Nichts ist schwieriger, als eine einmal in der Öffentlichkeit getroffene Aussage zurücknehmen zu müssen. Einer verantwortungsvollen Risikokommunikation kommt dabei eine besondere Bedeutung zu: Sie muss sich der Herausforderung stellen, Wissen und Nichtwissen ehrlich zu kommunizieren, Fakten sauber von Schätzungen und Meinungen zu trennen.

So wichtig das Krisenmanagement, die Krisenbewältigung und ihre Analyse auch sind: Viele Krisen lassen sich vermeiden. Voraussetzung dafür ist, dass Entwicklungen aufmerksam beobachtet und sinnvolle Maßnahmen früh getroffen werden. Das gilt für Risikobewerter und -manager wie für die Wirtschaft gleichermaßen. Allerdings kostet auch das Geld. Die Erfahrung zeigt aber, dass die Kosten-Risiko-Nutzen-Analyse für frühzeitig ergriffene Maßnahmen eher positiv ausfällt, materiell (in Gewinnen oder nicht entstandenen Verlusten für Hersteller) wie immateriell (für abgewendete Gesundheitsgefahren und damit Einsparungen für den einzelnen Bürger, die Gesellschaft und die Volkswirtschaft).

Für beides, den Umgang mit der Krise wie für die Krisenprävention, sollte nach Ansicht der Konferenzteilnehmer gelten „Weg vom Aktionismus, hin zu einer effizienten und effektiven Priorisierung der notwendigen Aktivitäten“- hier liegen die Chancen.

Weitere Informationen zum Thema finden Sie auf unserer Homepage (www.bfr.bund.de) unter dem Menüpunkt „Veranstaltungen/Programme, Abstracts und Manuskripte von früheren Veranstaltungen“.


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